Hans-Peter Porzner
#Indialgo
Ein Theaterstück in drei Akten

Hans Peter Riegel und Florian Henckel von Donnersmark
Oder: Kritik der intimen Kunst
Hans Peter Riegels Buch „Beuys“ und Florian Henckel von Donnersmarks Film über Gerhard Richter „Werk ohne Autor“

#Indialgo

Erster Akt
Verschiedene Räume; entsprechend, offen.

Schauspieler:
Sprecher
Platon
Aristoteles
Jean-Paul Sartre
Parmenides
Heraklit
Euripides
Anaxagoras
Thukydides

Sprecher
Zu dieser Konferenz können wir uns nun also alle beglückwünschen. Sie ist zustande gekommen. Anlass ist dieses in den Medien eifrig diskutierte Buch von Hans Peter Riegel zu Joseph Beuys. Riegel weist angeblich Beuys an jeder Stelle die Sache der Lüge nach; und weiter (Pause) … er bestreitet, dass hier die Kunst anwesend sein soll; vor allem aber unterstellt er Beuys, dass er sich nie vom Braunen Geist verabschiedet hat, die Nähe zu ihm gepflegt habe, sich nicht distanziert hat. „Weltruhm für einen Scharlatan”. Wer ist aber auf den Fotos wirklich zu sehen? Zieht sich die Form der Homöopathie nicht durch? Es ist ein formales Argument, d.h. arbeitet er an einem homöopathischen Medikament „Adolf Hitler D 200”? Das zweite Problemfeld wird durch diesen Filmemacher eröffnet. In den Medien hieß es, dass hier Gerhard Richter mit dem Film die Deutungshoheit über sein Werk verloren hat. Erstaunlich.

WhatsAppnachricht von Platon an Aristoteles
Der Kampf gegen Joseph Beuys und Gerhard Richter, d.h. der Kampf gegen die moderne Kunst ist eröffnet.

WhatsAppnachricht von Aristoteles an Platon
„Ist das Kunst oder kann das weg?” So könnte die Bild-Zeitung hinterher texten. Ja, es kann weg, denn heutzutage glauben wir nicht mehr. Ist das ein neuer Dreißigjähriger Krieg, der hier begonnen wurde?

WhatsAppnachricht von Jean-Paul Sartre an Parmenides
Mich ekelt.

WhatsAppnachricht von Aristoteles an Parmenides
Bazon Brock hat das alles erklärt; dass das Kunst ist, hat er aber nicht in Zweifel gestellt.

WhatsAppnachricht von Platon an Aristoteles
Der gehört ja doch zur Generation Beuys?

WhatsAppnachricht von Aristoteles an Platon
Ja, kann man noch sagen.

WhatsAppnachricht von Platon an Aristoteles
Warum sollte das Kunst sein? Grau bemalte Leinwände? Heute weht so eine schöne Luft. Und ich liebe das Gold des Herbstes.

WhatsAppnachricht von Aristoteles an Platon
Nein, das Zeug kann weg. Es ist eben keine Kunst. Wir glauben diesen wohlmeinenden und Beuys zuarbeitenden Helfern nicht mehr: seinen Freunden, seinen Jüngern. Ein Foto ist ein Foto und nicht eine Reflexion über das, was das Foto leistet oder nicht leistet. Da haben wir nun aber wirklich viel zu tun.

WhatsAppnachricht von Aristoteles an Parmenides
Und wenn die Kunst nicht mehr ist, wenn sie nun endlich herausgefiltert ist, dann bleibt eben nur noch Lüge, psychopathologische Reminiszenz, Ideologie, brauner Bodensatz. Gute Arbeit, Herr Riegel! Es gibt also das Nichts. Aber ist das nicht ein unangemessener Schluss? Was sollen wir also unter Kunst verstehen?

WhatsAppnachricht von Jean-Paul Sartre an Parmenides
„Bewußtsein und Selbsterkenntnis.“ Das nicht-thetische cogito 2018 zeichnet sich durch einen besonderen Charme des Nichtwissens aus. Aber das hat doch alles einen Grund.

WhatsAppnachricht von Platon an Aristoteles
Schmerzt Dir die Zunge nicht? Ja, wenn man solche Reden hört. Weil ich Dich liebe, darf ich Dir alles sagen. Nun bin ich auf Deine Gegenrede aber gespannt.

WhatsAppnachricht von Aristoteles an Parmenides
Ich muss Dir widersprechen. Auch ich bin doch ein Erfinder von Dialogen, die es nie gegeben hat. Und Ludwig Wittgenstein hat sich an mir auch schon die Zähne ausgebissen. Bin ich nun ein Philosoph oder wie die Sophisten ein Betrüger. Aber wie können wir denn, lieber Aristoteles, beweisen, dass es Beuys um Kunst geht und das von Anfang an. Wir kommen da natürlich in sehr gefährliche Strudel hinein. Aber wagen wir es doch. Wann treffen wir uns wieder. Du belebst meinen Geist. Ich sehne mich so nach Dir und Deinen rätselhaften Worten. Tief bin ich einst gefallen. Und kein Wort wollte meine Zunge lösen. Nun aber bin ich wieder frisch und meine Seele rund. Man kann es kaum glauben.

WhatsAppnachricht von Euripides an Aristoteles
Alle Bewegungen biegen sich, alle Reden krümmen sich. Du redest Unsinn, sinnloses Zeug. Du bist verwirrt und erkennst nicht das Scheinen der Sonne, wovon alles abhängt. Armer Aristoteles.

WhatsAppnachricht von Aristoteles an Platon
Was ist heute 2018 denn nun wichtig, wichtiger als dieses Zeug? Euripides hat mich sehr verunsichert. Was soll denn nun wahr sein? Es strengt mich alles an, ich bin sehr erschöpft. Der Kreis ist doch endlich. Woher aber kommt denn dieses Ebenmaß? Kannst Du es nicht sehen? Ich versuche es Dir zu erklären.

WhatsAppnachricht von Euripides an Platon
Der Film natürlich, die Medien, Kommunikationsdesign. Das alles hat die Kunst doch schon längst abgelöst. Kunst war gestern. Der intime Blick in unsere Privatsphären hinter den Gardinen zeigt indes doch deutlich an, was uns gefällt. Beuys, Richter – das widert mich an, es ekelt mich. Das ist doch modern. Seele, Geist. Nein. So nicht, mein Guter.

WhatsAppnachricht von Platon an Aristoteles
So, es ekelt Dich. Das gefällt mir, das aus Deinem Mund zu hören.

WhatsAppnachricht von Aristoteles an Platon
Und warum ist das denn so teuer?

WhatsAppnachricht von Platon an Aristoteles
Da gebe ich Dir Recht, das kann kein Kriterium für Kunst sein. Oder sollten wir uns auch an dieser Stelle täuschen? Wie soll denn Kunst nach 1945 noch möglich sein?

WhatsAppnachricht von Aristoteles an Platon
Da müssen wir doch auch Georg Baselitz berücksichtigen. Da wird er doch auch bald mit einem Film rechnen müssen.

WhatsAppnachricht von Platon an Aristoteles
So also könnten Riegel und Donnersmark texten.

WhatsAppnachricht von Aristoteles an Platon
Nein, können sie nicht, das ist ihr Fundament, das sie nicht in den Blick bekommen. Es interessiert sie gar nicht.

WhatsAppnachricht von Platon an Aristoteles
Was meinst Du? Wie verfährt man hier? Wie sollen wir damit umgehen?

WhatsAppnachricht von Thukydides an Aristoteles
Und beachtet mir die Geschichte! Ja, welche Geschichte? Beuys ist doch ein tiefer Geist. … Ich muss jetzt mal aufhören. Neben mir ist ein unglaubliches Geschreie, ich kann mich nicht konzentrieren. Aber ich melde mich später wieder.

WhatsAppnachricht von Aristoteles an Platon
Am besten man gibt ihnen Recht und bläst in das gleiche Horn, d.h. man versucht Widersprüche zu entdecken; diese müssen wir dann freilich nach Deiner Methode analysieren und auswerten.

WhatsAppnachricht von Platon an Aristoteles
Möglicherweise verwenden Riegel und Donnersmark denselben Kunstbegriff. Sie verfahren also wie Beuys und wie Richter. Es müssen sich also bestimmte Widersprüche hervorkehren, wenn es sich um Kunst handelt.

WhatsAppnachricht von Aristoteles an Platon
Wollen die denn die Künstler mit ihren eigenen Mitteln provozieren? Shoshana Zuboff oder Richard David Precht würden hier da auch einiges dazu sagen können. Aber die beiden haben ja leider kein WhatsApp. Wir machen uns also an die überaus schwierige Aufgabe, die Sache der Kunst des 19., 20. und 21. Jahrhunderts zu ermitteln.

WhatsAppnachricht von Parmenides an Heraklit
Und was ist mit Gerhard Poppenburgs „Herbst der Theorie“? Ist die Sprache schon von sich aus polyphon? Und was ist dann mit der Wahrheit? Andreas Kablitz könnte sich mit uns nicht mehr austauschen, ohne von vornherein Missverständnisse auszuschließen. Leite das doch bitte an Platon weiter.

WhatsAppnachricht von Heraklit an Platon
Ich würde sagen „Kunst und Alltag“. Und nicht „Paradoxien des Alltags“. Diesbzgl. müsste man Ulrich Raulff, Philipp Felsch so wie Friedrich Kittler ebenso noch einmal untersuchen. Postmoderne Uneindeutigkeit … bei Beuys? Das würde ich so nicht sagen. Die Sache ist nicht mit Kunst unterlegt oder unterfüttert, sondern von sich aus schon Kunst. Diese Sprache spricht Beuys doch ganz eindeutig. Warum will man aber die Kunst gerade hier nicht durchstreichen oder herausfiltern, sondern als gar nicht anwesend markieren?

WhatsAppnachricht von Platon an Aristoteles
Heraklit formuliert wie immer sehr dunkel. Vieles verstehe ich einfach nicht. Wir wollen hier durchaus Deine Akribie walten lassen. Wir wollen also nach zwingenden Argumentationslinien suchen.

WhatsAppnachricht von Aristoteles an Platon
Was meinst Du genau? Sollte Richard David Precht von Beuys abgeschrieben haben? Und die Grünen wollten ihn 1979 auch schon nicht mehr, er war eine Gefahr für die 5%-Hürde.

WhatsAppnachricht von Platon an Aristoteles
Das Verhängnis von Riegel und Donnersmark besteht also darin, dass sie diesen Kunstbegriff nicht aufgegeben haben und damit das Vergessen befördern. Sie haben keinen Zugang zu Beuys und Richter.

WhatsAppnachricht von Heraklit an Aristoteles
Ja, das finde ich schlimm. Die arbeiten nur mit dem Hirn.

WhatsAppnachricht von Aristoteles an Platon
Warum war denn Vermeer in seiner Epoche keine Kunst, er wurde doch vergessen?

WhatsAppnachricht von Parmenides an Aristoteles
Ich darf antworten. Ganz einfach. Der Adel konnte den Blick auf milchausgießende Mägde nicht konsumieren, nicht ertragen. So auch das zu Wohlstand gekommene Bürgertum. Wenn man so sagen kann. Das war alles hässlich, was Vermeer hier abgeliefert hat. Und irgend wie ähnlich heute das 21. Jahrhundert.

WhatsAppnachricht von Aristoteles an Parmenides
Man darf gespannt sein, wie sich das noch steigern kann. Bis der Wind darüber vergessen weht.

WhatsAppnachricht von Parmenides an Aristoteles
Diesen alten Plunder, man will es einfach nicht mehr. Nicht die Gelehrten, nicht die Ausstellungsmacher, nicht die Künstler dieser Epoche, nichts gar nichts. Das Kunstpublikum hat sich gewandelt. Man will das nicht mehr sehen und auch im Museum nicht. Dort will man jetzt sein eigenes Zeug sehen. Ja, sein eigenes Zeug. Man will sich sehen. Koste es, was es wolle. Und doch es ist alles nur ein Sein.

WhatsAppnachricht von Anaxagoras an Parmenides
Wir wollen hier uns natürlich auch nicht mit Peter Sloterdijk, Juval Noah Harari oder Francis Fukuyama beschäftigen. Lieber mit Joseph Beuys und Gerhard Richter.

WhatsAppnachricht von Heraklit an Platon
Armer Hans Peter Riegel, das kennen wir doch schon alles. Nichts bleibt ungeschehen. Vor Jahren habe ich Leute kennengelernt, die warfen mir vor, dass ich kein Dichter sei. Und nun habt ihr beiden das Problem mit dem Sokrates. Nun bist Du also Dichter geworden. Und auch Aristoteles hat seinen Beitrag bezahlt.

WhatsAppnachricht von Aristoteles an Platon
Man geht also in Konkurrenz und dies durchaus in einem körperliche Sinne. Was ist denn eine Holzschachtel gegen einen Film, der vierzig Millionen Euro gekostet hat und nächstes Jahr in Venedig prämiert wird?

WhatsAppnachricht von Parmenides an Aristoteles
Jawohl. Was bleibt übrig? Ganz einfach. Wieder ganz einfach. Das, was Riegel und Donnersmark machen. Soll er doch froh sein, wenigstens etwas. „Herr Richter, haben Sie zu essen? Wir haben uns köstlich amüsiert.“

Sprecher
Wir wollen hier erst einmal abbrechen. Die Beiträge halten sich, was zu erwarten war, hauptsächlich bedeckt. Aber es geht, was unbestritten ist, um das Ärgernis der Wahrheit. Und dieses Forschungsergebnis wollen wir festhalten. Die Intentionen von Riegel und Donnersmark sind keineswegs so klar. Wir brauchen also sehr viel mehr Wissen, um die wirklichen Verhältnisse einschätzen zu können. Ich danke Ihnen.

Zweiter Akt
Das Lager des Trödelhändlers
Oder:
In einer offenen zweckentfremdeten Garage

Schauspieler:

Sprecher
Trödelhändler
Dieter Henrich
Stuhl
Eingebildete Kaffeekanne
Kiste
Teppich
Anderer Teppich
Stapel mit Zeitschriften
Schallplattenspieler
Traumgesicht

Sprecher
Zu dieser Ausstellung können wir allen gratulieren. Wie ist indes das Verhältnis zwischen Theater und zeitgenössischer Kunst bestimmt? Die Bundeskunstförderung fördert natürlich erst einmal sich selbst. Aber davon wollen wir nicht sprechen. Stichwort Erinnerungskultur 2018. Wie schaut sie aus, nachdem in den letzten Jahren die Politik den Künstlern das Thema aus der Hand genommen hat? Wir brauchen jedenfalls auch hier sehr viel mehr Wissen, um die Verhältnisse einschätzen zu können.

Stuhl
Auf mir saß schon Platon.

Eingebildete Kaffeekanne (knurrig)
Angeber. Was heißt Stuhl?

Teppich (eher belustigt.)
Hier steh´ ich nun, eingerollt, in dieser Ecke. Abgestellt. Und keiner will mich haben.

Man hat mich abgelaufen. Aber ich wüsste Geschichten zu erzählen. Viele. Und merkwürdig Fremdartiges. Von einem Papagei, der ein Mashinengewehr nachahmen konnte. Sein Käfig steht neben dem Bücherregal dahinten. Dahinten wird´s immer bunter.

Kiste
Nun stehen diese Leute da vor uns, sie wollen uns für kleines Geld erwerben. Gestern wollte mich jemand nicht einmal für 2 € haben. Wir sind nichts mehr wert. Heute bin ich ganz leer geräumt. Ich fühle mich nackt und ungeborgen. Heimatlos. Aber ich habe einmal vielen Gegenständen eine Heimat gegeben. Sie haben mich alle verlassen. Es war so lustig mit ihnen. Man hat sie aus mir herausgenommen, ich schaue ihnen hinterher, ich sehe sie nie wieder. Ich liebe den Heimatkünstler.

Anderer Teppich
Ich bin noch ganz frisch, wie neu. Ich lag vierzig Jahre in einem Zimmer, das kaum jemand betreten hat. Ich bin nicht mehr modern, freue mich aber auf meinen neuen Besitzer. Aber auch mich will niemand haben. Heh´ Du da drüben, ich bin viel schöner als Du.

Teppich
Glaub´ ich nicht.

Stapel mit Zeitschriften
Da gammeln wir also nun so vor uns hin. Kein Mensch will in uns Blättern, wir sind von gestern. Nichts ist vergänglicher als Zeitschriften. Ihr Teppiche seid zu beneiden. Und erst ihr alten Bilder da hinten, jeden Augenblick kann jemand an Euch Gefallen finden. Wir indes sind Dokumente. Wir bewahren alles. Wir vergessen nichts. Und wir enthalten die Wahrheit. Nur wir, könnt Ihr das versteh´n?

Teppich
Ich liebe den Geruch von alten Zeitschriften.

Trödelhändler (zu dem Stapel mit Zeitschriften.)
Heute kommt ein Kunde. Habt ihr alle gehört. Zur Leiche mache ich den, der nicht gehorcht.

Stapel mit Zeitschriften
Da sind wir aber gespannt.

Trödelhändler
Der kennt sich aus mit dem Nichts.

Stapel mit Zeitschriften
Ha-Ha-Ha. Da ist unser Schlaumeier, da hat er mal was gehört. Und schon posaunt er es hinaus. Und er wird dabei noch nicht einmal rot. (Sie singen.) „Und er wird dabei noch nicht einmal rot. Und er wird dabei noch nicht einmal rot. Und er wird dabei noch nicht einmal rot.“

Dieter Henrich (der Philosoph bei sich zu Hause, telefoniert mit seinem Kollegen Uvo Hölscher.)
Wir brauchen unbedingt diese Dokumente, sonst kommen wir nicht weiter. … In dieser heiklen Sache.  Ich kann mich auch nur vage erinnern. Es ist ja eine Dreiergruppe. So können wir das einteilen, … in Typen. … Wie er das vermittelt, sein Handwerk hat er wohl gelernt. Treff´ indes gleich einen Trödelhändler.

Ich bin sehr gespannt.

Wenn er das hat, tue ich überrascht, dann denkt er nicht über den möglichen wahren Wert nach!

Wir sind einer Meinung, wir zahlen keinen allzu hohen Preis.

Wir treffen uns dann morgen.

(Legt den Telefonhörer in die Gabel, geht.)

Dieter Henrich (mit dem Trödelhändler in der Garage.)
Und das sind also die Zeitschriften.

Stuhl
Heh Du, auf mir saß schon Platon!

Dieter Henrich (kann den Stuhl nicht hören, spricht zu dem Trödelhändler.)
Das ist sehr interessant.

Stuhl (schreit)
Heh Du, auf mir saß schon Platon!

Dieter Henrich (schaut sich die Zeitschriften durch.)
Sehr schön. Mich interessieren ja vor allem diese Berichte über künstliche Intelligenz, diese Auseinandersetzungen der #Indialgo mit Silicon Valley. 2018 war ja damals ein spannendes Jahr mit vielen Umbrüchen. Die beiden wurden richtig reich. Ja, richtig reich. Wie im Märchen kamen sie an. Ein Märchen, sooooo schön geschrieben. Ich liebe diese doppeldeutige Sprache. Die konstruierte. Da denke ich doch auch an den tiefsinnigen Star. Was zeichnet denn nun den Politiker aus? … Da ein Bericht über die Krankenschwester, die nicht ausgeführt hat, was man ihr befohlen. Unglaublich. Da sind doch Maschinen echt empathielos. Was soll sie tun? Sie drehten das Ganze ebenso nur auf den Kopf.

Trödelhändler (übereifrig)
Ja, da habe ich was. Pro Heft 20 €.

Dieter Henrich
Und hier ein Bericht über Ferdinand de Saussure. Der Preis stimmt, ich kaufe diese Zeitschriften alle.

Eingebildete Kaffeekanne
Du-Stuhl-da! Dass Du mir hier aber keinen weiteren Unsinn erzählst. Mit Dir kann man sich doch nur blamieren. An Dir ist wirklich nichts Edles.

Teppich
Und dass Du Dich ja nicht neben mir abstellst. Du Einsamer! … Heute ist nicht mein Tag!

Anderer Teppich
Wie wär´s mit mir?

Trödelhändler (verabschiedet Dieter Henrich, zieht die Garagentüre herunter und sperrt zu, grummelt vor der Garagentüre.)
Die Nacht ist so klar, ich schlafe heute wieder im Garten. Er erfrischt meine Seele, belebt meinen Geist. Die Frische der kalten Luft, wenn sie berührt meinen Körper, macht mich jeden Tag neu und lebendig. Die Sterne am Himmel, der launige Mond, herrlich sind die Geschenke der Natur. Sonst ist mir nichts geblieben. Da drüben in der Kneipe brennt noch Licht; seit Monaten spielen sie hier das Brettspiel „Klassenkampf“. Nein, mich ekelt dieser Dunstkreis. (Legt sich in seinen Garten, wo er jetzt jeden Tag – es ist Sommer – schläft. Ihm fallen die Augen zu, zieht die Decke über sich und ein tiefer Schlaf entführt ihn in ein fremdes Land.)

Traumgesicht (schwebt herab und lässt sich neben dem Schlafenden nieder.)
Nun verwandel ich Dich in einen Riesenkünstler. Ich gebe Dir die Erinnerung zurück. Erinnerungen des Glücks und des Todes. (Traumgesicht berührt den Trödelhändler und legt neben ihm eine Goldmünze ab. Schwebt davon. Nebel bildet sich. Grüngelbes Licht. Die Goldmünze verwandelt sich langsam in einen Rosenbusch.)

Trödelhändler (am nächsten Tag mit dem Krähen des Hahns: Trödelhändler erwacht, geht zu seiner Garage und macht eine grauenhafte Entdeckung. Er sieht wie unter der Garagentüre Blut herausläuft. Er erschrickt zu Tode, schließt auf und reißt die Türe hoch. Dann sieht er das merkwürdige Ereignis.)
Wer hat mir denn von Euch dieses Bild gemalt? Die rote Ölfarbe läuft herunter wie ein Bach. Du alter Teppich bist nun endgültig versaut. Niemals werd´ ich Dich noch verkaufen können. (Trödelhändler geht ab, er muss sich beruhigen, geht in die Stadt, um Leute zu treffen. Er dichtet.)

Von der Kunst

Die Ölfarbe läuft mit viel Terpentin,

Es riecht nach Bier, Pudding und Benzin

Elfenbeinschwarz und Kadmiumrot,

Alles Bunte – nur kein Kot.

Nebenbei kommt alles runter.

Menschen mit langen Händen,

Auch Dich erreichen sie bald!

Doch wertlos ihr Getriebe, verrottet´s schon im Entsteh´n.

Hin und Her und Drumherum.

So bleibt es immer ungenau.

Es scheppert und macht Bumm-Bumm.

Nach der Hälfte des Lebens.

Wann aber ist es ganz verschwunden?

So entstehen keine Bilder.

Eingebildete Kaffeekanne (noch knurriger.)
Wo ist der duftende Kaffee, wo die himmlischen Torten, woher kommt dieser Gestank hier, diese Pest? Wer rettet mich aus diesem Zelt? (Zu sich.) Keiner bemerkt dieses Multiple von Joseph Beuys. Selbst unser Chef hat es achtlos dorthin abgestellt. Warum seh´n die Leute das denn nicht? Sie seh´n es einfach nicht. Was sollen wir tun? Darüber hat er nicht gerätselt. Und hatte keine Bedenken von späteren Menschen. Das also war sein Kalkül. Da zeichnete er dann immer ganz schnell einen Comic. Und Du bist nicht der einzige Hahn, der kräht. Die lauteste Ente wird zuerst geschossen, merk Dir das. Der Hase ist ein stilles Tier.

Schallplattenspieler (irgendjemand hat Enrico Caruso aufgelegt.)
Knaatz (zufrieden).

 

Dritter Akt
In der Stadt
Oder:
Begegnungen

Schauspieler:
Sprecher
Trödelhändler
Platon
Volk
#Indialgo

Sprecher
Hier jetzt der dritte Akt unserer Tragödie, die wir Sophokles widmen wollen. Wir laden das Publikum danach zur Diskussion ein. Wir können natürlich nicht anders: wir müssen uns widersprechen. Es ist aber die Frage, wie wir damit umgehen. Ich spüre indes im Publikum eine gewisse Ungeduld. Die Auswertung des Wissens bleibt in sicheren Händen. Euer #Indialgo-Team.

Trödelhändler
Hallo Platon, hast Du Interesse an einem Beuys?

Platon
Joseph Beuys und Gerhard Richter, das interessiert mich sehr.

Volk (lacht und singt.)
Blödsinn, Unsinn, Schabernack.
Blödsinn, Unsinn, Schabernack.
Blödsinn, Unsinn, Schabernack.

Mach´ keinen Lack mit Donald Duck.
Mach´ keinen Lack mit Donald Duck.

Blödsinn, Unsinn, Schabernack.
Mach´ keinen Lack mit Donald Duck.

Platon (bemerkt, wie das Ganze gefilmt wird, räuspert sich.)
Ja, die Konsequenz von #Indialgo war schon erstaunlich. Das Volk kennt sich seitdem aus, es durchschaut jeden Schwindel, lässt sich nicht mehr täuschen, sitzt keinem Betrug mehr auf. Gorgias hat es seitdem schwer. Ich freu´ mich sehr. Jawohl. Und da kommen sie schon angewackelt, unsere Diener. Verführerisch. Und zwingend. Mit lieblichen Blicken, überaus freundlichen Reden, wollen sie uns packen. Von oben nach unten. Alles zerrend – und die schöne Seele. Wenn sie sich entpuppen … und die Fliegen sterben.

Trödelhändler
Ja, so Maschinchen hätte ich auch noch im Angebot. Die hat mir irgendjemand in die Garage gestellt. Die laufen noch richtig gut. Der Beuys schaut übrigens wie neu gemacht aus. Ganz frisch. Fasziniiiiiierend! Fasziniiiiiiiiiiiierend! Und wie verhalten wir uns jetzt? In den Bäumen dahinten lebt inzwischen eine Arakolonie und die können bekanntlich einen Höllenlärm machen. Brüllaffen haben es hier schwer. (Fährt seinen Computer hoch. Spielt ein Video auf Youtube ab. https://www.youtube.com/watch?v=zchi_Kg2HbI ) Das sind doch die reinsten Fabelwesen. Nichts wie weg! Gestern einen Zentaur geseh´n.

Sprecher
Der Trödelhändler spricht ab und zu unzusammenhängende Sätze. Er hat sich das angewöhnt seitdem er bemerkt hat, dass ihm dann die Leute zuhören. Das funktioniert allerdings nur bei ihm. Da macht er dann schon sehr merkwürdige Dinge. Schon wie er sich anzieht. Er erzählt hauptsächlich von sich. Und aufhören tut er dann auch nicht.

Platon
Ja, da lerne ich vielleicht noch etwas über das Urteil und die Sprache. Ein schwieriger Stoff, keine Frage. Was ist das, wenn ich mit jemanden spreche, den ich nicht wirklich mag im Unterschied zum Gespräch, wenn zwei sich lieben? Oder sollte ich sagen: Sich-Liebenden? Ja, das ist eine Kunst. Das Überbrückende. In dunkler Zeit. Da mach ich gerne tausend Fehler. Da will ich gar nicht rund sein. Die Zeit ist weit entfernt. Das Licht, ich kann es im Augenblick nur ahnen. Sind wir also vorsichtig und umsichtig. Kein Schritt zu viel. Der Abgrund könnte unter diesem Fuß schon seinen tiefen Schlund auftun. Wenn der Wind selbst vorsichtig weht und nichts rostet.

Volk (tobt)
Ha-Ha-Ha-Ha-Juchheisassa. Ha-Ha-Ha-Ha-Juchheisassa.
Ha-Ha-Ha-Ha-Juchheisassa. Ha-Ha-Ha-Ha-Juchheisassa
Ha-Ha-Ha-Ha-Juchheisassa. Ha-Ha-Ha-Ha-Juchheisassa.

Platon

Ist das aus der Kunst herausgewachsen? Wie schön es ist. Endlich haben wir Argumente. Der Anfang ist gut. Wie sagte indes der naive Hegel: „Wenn der Anfang gelingt, verläuft auch das Ganze gut.“ Das wollen wir hier nicht teilen. Und auch nicht nach sieben Meilen. Das Glück ist heute mit dem Bösen. Und was ist Natur, wenn wir genauso denken? Jean Baudrillard sagte einst: „Lasst Euch nicht verführen!“ Wir haben hier also wirklich einen Gegensatz. Und was für eine Energie.

Volk
Ist das wichtig, ist das denn relevant? Fragen wir Dich, oh #Indialgo!

Platon
#Indialgo leitete den Sturz der Götter ein. Damals. Wir haben Homer und Hesiod einfach nicht mehr geglaubt. Das ist eine Internet-Firma, die 2018 in Düsseldorf gegründet wurde. Die Gründer sind unbekannt. Man sprach sehr schnell von Silicon Düsseldorf. Diese Firma leitete einen großen Demokratisierungsprozess im Internet ein. Die gesammelten Daten wurden indes für ihre Träger ausgenutzt. …

Volk
Wir lachen uns kaputt. Haaaaaahaaaaaaaaaaaaaha! Es wird doch immer wirrer!

#Indialgo
Der Trödelhändler ließ anfragen, wo er denn seine Liebste finden würde. Die Daten gaben an. „Geh´ zwei Häuser weiter und läute! Dann begegnest Du ihr!“ Und so kam es. Die Kaffekanne ließ anfragen, wann sie denn wieder benutzt werden würde. Die Daten gaben an. „In zwei Wochen wird eine junge Frau vom Film Dich kaufen.“ Und so kam es.

Volk
Da sind wir geplättet und gerettet. Uiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii. Was ist Kunst? Darauf die orakelmäßige Antwort: „Das Blockhaus muss irgendwo in der Nähe sein. Geht zur Behörde oder folgt einer Partei!“

Platon
Da muss ich nun also meine Politeia neu schreiben. Ich wundere mich selbst. Wie ist denn der Algorithmus von #Indialgo aufgebaut?

Sprecher
Platon schrieb in der Konsequenz das dreibändige Werk „Dies von der Liebe lernen“.