Hans-Peter Porzner
Ein Theaterstück

Hans Peter Riegel und Florian Henckel von Donnersmark
Oder: Kritik der intimen Kunst
Hans Peter Riegels Buch „Beuys“ und Florian Henckel von Donnersmarks Film über Gerhard Richter „Werk ohne Autor“

Schauspieler:

Platon
Aristoteles
Jean-Paul Sartre
Parmenides
Heraklit
Euripides
Anaxagoras
Thukydides

WhatsAppnachricht von Platon an Aristoteles
Der Kampf gegen Joseph Beuys und Gerhard Richter, d.h. der Kampf gegen die moderne Kunst ist eröffnet.

WhatsAppnachricht von Aristoteles an Platon
„Ist das Kunst oder kann das weg?“ So könnte die Bildzeitung hinterher texten. Ja, es kann weg, denn heutzutage glauben wir nicht mehr. Ist das ein neuer Dreißigjähriger Krieg, der hier begonnen wurde?

WhatsAppnachricht von Jean-Paul Sartre an Parmenides
Mich ekelt.

WhatsAppnachricht von Aristoteles an Parmenides
Bazon Brock hat das alles erklärt; dass das Kunst ist, hat er aber nicht in Zweifel gestellt.

WhatsAppnachricht von Platon an Aristoteles
Der gehört ja doch zur Generation Beuys?

WhatsAppnachricht von Aristoteles an Platon
Ja, kann man noch sagen.

WhatsAppnachricht von Platon an Aristoteles
Warum sollte das Kunst sein? Grau bemalte Leinwände? Heute weht so eine schöne Luft. Und ich liebe das Gold des Herbstes.

WhatsAppnachricht von Aristoteles an Platon
Nein, das Zeug kann weg. Es ist eben keine Kunst. Wir glauben diesen wohlmeinenden und Beuys zuarbeitenden Helfern nicht mehr: seinen Freunden, seinen Jüngern. Ein Foto ist ein Foto und nicht eine Reflexion über das, was das Foto leistet oder nicht leistet. Da haben wir nun aber wirklich viel zu tun.

WhatsAppnachricht von Aristoteles an Parmenides
Und wenn die Kunst nicht mehr ist, wenn sie nun endlich herausgefiltert ist, dann bleibt eben nur noch Lüge, psychopathologische Reminiszenz, Ideologie, brauner Bodensatz. Gute Arbeit, Herr Riegel! Es gibt also das Nichts. Aber ist das nicht ein unangemessener Schluss? Was sollen wir also unter Kunst verstehen?

WhatsAppnachricht von Jean-Paul Sartre an Parmenides
„Bewußtsein und Selbsterkenntnis.“ Das nicht-thetische cogito 2018 zeichnet sich durch einen besonderen Charme des Nichtwissens aus. Aber das hat doch alles einen Grund.

WhatsAppnachricht von Platon an Aristoteles
Schmerzt Dir die Zunge nicht? Ja, wenn man solche Reden hört. Weil ich Dich liebe, darf ich Dir alles sagen. Nun bin ich auf Deine Gegenrede aber gespannt.

WhatsAppnachricht von Aristoteles an Parmenides
Ich muss Dir widersprechen. Auch ich bin doch ein Erfinder von Dialogen, die es nie gegeben hat. Und Ludwig Wittgenstein hat sich an mir auch schon die Zähne ausgebissen. Bin ich nun ein Philosoph oder wie die Sophisten ein Betrüger. Aber wie können wir denn, lieber Aristoteles, beweisen, dass es Beuys um Kunst geht und das von Anfang an. Wir kommen da natürlich in sehr gefährliche Strudel hinein. Aber wagen wir es doch. Wann treffen wir uns wieder. Du belebst meinen Geist. Ich sehne mich so nach Dir und Deinen rätselhaften Worten. Tief bin ich einst gefallen. Und kein Wort wollte meine Zunge lösen. Nun aber bin ich wieder frisch und meine Seele rund. Man kann es kaum glauben.

WhatsAppnachricht von Euripides an Aristoteles
Alle Bewegungen biegen sich, alle Reden krümmen sich. Du redest Unsinn, sinnloses Zeug. Du bist verwirrt und erkennst nicht das Scheinen der Sonne, wovon alles abhängt. Armer Aristoteles.

WhatsAppnachricht von Aristoteles an Platon
Was ist heute 2018 denn nun wichtig, wichtiger als dieses Zeug? Euripides hat mich sehr verunsichert. Was soll denn nun wahr sein? Es strengt mich alles an, ich bin sehr erschöpft. Der Kreis ist doch endlich. Woher aber kommt denn dieses Ebenmaß? Kannst Du es nicht sehen? Ich versuche es Dir zu erklären.

WhatsAppnachricht von Euripides an Platon
Der Film natürlich, die Medien, Kommunikationsdesign. Das alles hat die Kunst doch schon längst abgelöst. Kunst war gestern. Der intime Blick in unsere Privatsphären hinter den Gardinen zeigt indes doch deutlich an, was uns gefällt. Beuys, Richter – das widert mich an, es ekelt mich. Das ist doch modern. Seele, Geist. Nein. So nicht, mein Guter.

WhatsAppnachricht von Platon an Aristoteles
So, es ekelt Dich. Das gefällt mir, das aus Deinem Mund zu hören.

WhatsAppnachricht von Aristoteles an Platon
Und warum ist das denn so teuer?

WhatsAppnachricht von Platon an Aristoteles
Da gebe ich Dir Recht, das kann kein Kriterium für Kunst sein. Oder sollten wir uns auch an dieser Stelle täuschen? Wie soll denn Kunst nach 1945 noch möglich sein?

WhatsAppnachricht von Aristoteles an Platon
Da müssen wir doch auch Georg Baselitz berücksichtigen. Da wird er doch auch bald mit einem Film rechnen müssen.

WhatsAppnachricht von Platon an Aristoteles
So also könnten Riegel und Donnersmark texten.

WhatsAppnachricht von Aristoteles an Platon
Nein, können sie nicht, das ist ihr Fundament, das sie nicht in den Blick bekommen. Es interessiert sie gar nicht.

WhatsAppnachricht von Platon an Aristoteles
Was meinst Du? Wie verfährt man hier? Wie sollen wir damit umgehen?

 WhatsAppnachricht von Thukydides an Aristoteles
Und beachtet mir die Geschichte! Ja, welche Geschichte? Beuys ist doch ein tiefer Geist. … Ich muss jetzt mal aufhören. Neben mir ist ein unglaubliches Geschreie, ich kann mich nicht konzentrieren. Aber ich melde mich später wieder.

WhatsAppnachricht von Aristoteles an Platon
Am besten man gibt ihnen Recht und bläst in das gleiche Horn, d.h. man versucht Widersprüche zu entdecken; diese müssen wir dann freilich nach Deiner Methode analysieren und auswerten.

WhatsAppnachricht von Platon an Aristoteles
Möglicherweise verwenden Riegel und Donnersmark denselben Kunstbegriff. Sie verfahren also wie Beuys und wie Richter. Es müssen sich also bestimmte Widersprüche hervorkehren, wenn es sich um Kunst handelt.

WhatsAppnachricht von Aristoteles an Platon
Wollen die denn die Künstler mit ihren eigenen Mitteln provozieren? Shoshana Zuboff oder Richard David Precht würden hier da auch einiges dazu sagen können. Aber die beiden haben ja leider kein WhatsApp. Wir machen uns also an die überaus schwierige Aufgabe, die Sache der Kunst des 19., 20. und 21. Jahrhunderts zu ermitteln.

WhatsAppnachricht von Parmenides an Heraklit
Und was ist mit Gerhard Poppenburgs „Herbst der Theorie“? Ist die Sprache schon von sich aus polyphon? Und was ist dann mit der Wahrheit? Andreas Kablitz könnte sich mit uns nicht mehr austauschen, ohne von vornherein Missverständnisse auszuschließen. Leite das doch bitte an Platon weiter.

WhatsAppnachricht von Heraklit an Platon
Ich würde sagen „Kunst und Alltag“. Und nicht „Paradoxien des Alltags“. Diesbzgl. müsste man Ulrich Raulff, Philipp Felsch so wie Friedrich Kittler ebenso noch einmal untersuchen. Postmoderne Uneindeutigkeit … bei Beuys? Das würde ich so nicht sagen. Die Sache ist nicht mit Kunst unterlegt oder unterfüttert, sondern von sich aus schon Kunst. Diese Sprache spricht Beuys doch ganz eindeutig. Warum will man aber die Kunst gerade hier nicht durchstreichen oder herausfiltern, sondern als gar nicht anwesend markieren?

WhatsAppnachricht von Platon an Aristoteles
Heraklit formuliert wie immer sehr dunkel. Vieles verstehe ich einfach nicht. Wir wollen hier durchaus Deine Akribie walten lassen. Wir wollen also nach zwingenden Argumentationslinien suchen.

WhatsAppnachricht von Aristoteles an Platon
Was meinst Du genau? Sollte Richard David Precht von Beuys abgeschrieben haben? Und die Grünen wollten ihn 1979 auch schon nicht mehr, er war eine Gefahr für die 5%-Hürde.

WhatsAppnachricht von Platon an Aristoteles
Das Verhängnis von Riegel und Donnersmark besteht also darin, dass sie diesen Kunstbegriff nicht aufgegeben haben und damit das Vergessen befördern. Sie haben keinen Zugang zu Beuys und Richter.

WhatsAppnachricht von Heraklit an Aristoteles
Ja, das finde ich schlimm. Die arbeiten nur mit dem Hirn.

WhatsAppnachricht von Aristoteles an Platon
Warum war denn Vermeer in seiner Epoche keine Kunst, er wurde doch vergessen?

WhatsAppnachricht von Parmenides an Aristoteles
Ich darf antworten. Ganz einfach. Der Adel konnte den Blick auf milchausgießende Mägde nicht konsumieren, nicht ertragen. So auch das zu Wohlstand gekommene Bürgertum. Wenn man so sagen kann. Das war alles hässlich, was Vermeer hier abgeliefert hat. Und irgend wie ähnlich heute das 21. Jahrhundert.

WhatsAppnachricht von Aristoteles an Parmenides
Man darf gespannt sein, wie sich das noch steigern kann. Bis der Wind darüber vergessen weht.

WhatsAppnachricht von Parmenides an Aristoteles
Diesen alten Plunder, man will es einfach nicht mehr. Nicht die Gelehrten, nicht die Ausstellungsmacher, nicht die Künstler dieser Epoche, nichts gar nichts. Das Kunstpublikum hat sich gewandelt. Man will das nicht mehr sehen und auch im Museum nicht. Dort will man jetzt sein eigenes Zeug sehen. Ja, sein eigenes Zeug. Man will sich sehen. Koste es, was es wolle. Und doch es ist alles nur ein Sein.

WhatsAppnachricht von Anaxagoras an Parmenides
Wir wollen hier uns natürlich auch nicht mit Peter Sloterdijk, Juval Noah Harari oder Francis Fukuyama beschäftigen. Lieber mit Joseph Beuys und Gerhard Richter.

WhatsAppnachricht von Heraklit an Platon
Armer Hans Peter Riegel, das kennen wir doch schon alles. Nichts bleibt ungeschehen. Vor Jahren habe ich Leute kennengelernt, die warfen mir vor, dass ich kein Dichter sei. Und nun habt ihr beiden das Problem mit dem Sokrates. Nun bist Du also Dichter geworden. Und auch Aristoteles hat seinen Beitrag bezahlt.

WhatsAppnachricht von Aristoteles an Platon
Man geht also in Konkurrenz und dies durchaus in einem körperliche Sinne. Was ist denn eine Holzschachtel gegen einen Film, der vierzig Millionen Euro gekostet hat und nächstes Jahr in Venedig prämiert wird?

WhatsAppnachricht von Parmenides an Aristoteles
Jawohl. Was bleibt übrig? Ganz einfach. Wieder ganz einfach. Das, was Riegel und Donnersmark machen. Soll er doch froh sein, wenigstens etwas. „Herr Richter, haben Sie zu essen? Wir haben uns köstlich amüsiert.“